„Das Internet ist dezentral. Und andere gefährliche Mythen“ 1 – So nannte Sebastian Deterding seine Präsentation auf der Republica 2010. Was es mit der Dezentralität bzw. Zentralität auf sich hat und welche politischen Dimensionen dahinter stecken, möchte ich in dieser Artikelserie näher beleuchten. Dieser Artikel erscheint zeitgleich auf junggruendigital.de und auf dem persönlichen Blog des Autors – eplinux.de.
Teil 1: Wie’s gedacht war – Dezentralität als Kernidee des Internets / Tendenz zur Zentralität
Zu Beginn der Artikelserie möchte ich einen kurzen Exkurs in die Zeit der Entstehung des Internets machen, da ich dies wichtig für das Verständnis von Dezentralität und darauf aufbauend auch Zentralität halte.
Damals, im Jahre 1969, arbeitete das US-Verteidigungsministerium an einem Projekt, welches die Universitäten und Forschungseinrichtungen miteinander verbinden – vernetzen – sollte, um die damals noch sehr knappen und teuren Ressourcen verteilen und damit besser nutzen zu können. Es entstand ein dezentraler Verbund von Computern, in dem Inhalte ausgetauscht und untereinander verfügbar gemacht werden konnten. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab es demnach den Vorgänger dessen, was wir heute unter dem Begriff Internet verstehen. Zwar war die Technik noch nicht ausgereift und rudimentär, jedoch zeigt sich an der Entstehungsgeschichte des Internets ganz gut, was das Internet theoretisch ist – nämlich ein dezentraler Verbund von Computern.
Oberflächlich gesehen hat sich daran auch nicht viel geändert; es gibt grob genommen die Nutzer*innen, die mit Clients auf Dienste und Inhalte zugreifen (beispielsweise per Browser oder Emailprogramm), und die Anbieter*innen, die diese per Server bereitstellen. Und dennoch hat sich etwas Entscheidendes geändert – das Internet wird faktisch kaum noch dezentral genutzt ! Und das hat folgende Gründe: Zwar gibt es immer mehr Dienste und Inhalte, doch werden diese meist nur noch von wenigen großen Unternehmen bereitgestellt. Am besten eignen sich als Beispiele für diese Entwicklung wohl Google und Facebook. Beide sind inzwischen riesige Unternehmen, die eine feste Nutzer*innenzahl aufweisen – Tendenz: steigend. Sie zeichnen sich ebenfalls beide dadurch aus, dass ihre Strategie darauf ausgelegt ist, Nutzer*innen zu binden und ihnen eine komplette Infrastruktur, eine Art Rundumpaket, zu bieten. Diese These lässt sich gut durch die Fülle der Dienste und Funktionen beider Unternehmen belegen, die eng miteinander verzahnt dafür sorgen, die Nutzer*innen bei der Stange zu halten. Dies fängt bei Facebooks neuester Kreation „Facebook Home“, bei der ein Android-Smartphone zum „Facebook-Smartphone“ mutiert, an und findet auch bei Googles Portfolio von Kalender über Emailpostfach und Suche bis Onlinespeicher kein Ende. Diese Dienste sollen hier lediglich als Beispiele benannt werden, die Liste ließe sich nahezu unendlich fortsetzen.
Worauf ich nun aber hinauswill, ist, dass eine Zentralität geschaffen wird, indem ein*e Nutzer*in eben größtenteils nur noch eine Handvoll von Plattformen weniger Anbieter nutzt. Der Trend geht nämlich ganz klar dahin, Daten in die Cloud auszulagern, was den eben genannten Vorgang banal beschreibt.
Rekapitulieren wir das also noch einmal. All’ diese Dienste haben gemein, dass sie von einem einzigen Anbieter betrieben werden; es lässt sich hier also von Zentralität als Gegenpol zu Dezentralität sprechen. Diese gebündelten Dienste werden auch gemeinhin als Cloud bezeichnet. Die Nutzung weniger Anbieter sorgt also für eine Zentralisierung, da ein Großteil der Dienste von Wenigen betrieben werden, und dadurch auch nicht mehr dezentral, sondern zentral in der Obhut eines Anbieters sind.
Was nun die Vor- und Nachteile von Dezentralität beziehungsweise Zentralität sind und welche politschen Dimensionen dahinter stecken, werde ich im nächsten Teil näher beleuchten.
- http://www.slideshare.net/dings/das-internet-ist-dezentral-und-andere-gefhrliche-mythen ↩